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EDITION AUDOBA

JENS WAWRCZECK ÜBER AUDOBA

Mit der Edition AUDOBA möchte ich "Unerhörtes" erneut hörbar machen und Stoffe in Erinnerung bringen, die wir vielleicht sonst in den Regalen irgendeines Antiquariats vergessen würden. Und natürlich hoffe ich, dass sich meine Begeisterung für diese Stoffe auch auf den Hörer überträgt. Ich frage mich, ob die Hörigkeit dem ewig Neuen gegenüber nicht eine Sackgasse ist. Begriffe wie alt und neu sind in der Kunst letztlich Humbug. In dem Moment, in dem ich die ersten Sätze eines Hörbuchs oder die ersten Takte eines Musikstückes höre und davon gefesselt bin, tauche ich ein in ein unmittelbares Erlebnis jenseits von Zeit und Raum.

INTERVIEW

Herr Wawrczeck, Sie sind Schauspieler, Sprecher, Synchronsprecher, Regisseur, Schauspiellehrer, Produzent, Hörspiel- und Hörbuchsprecher. Nun haben Sie mit AUDOBA Ihr eigenes Hörbuch-Label gegründet. Warum sind Sie auf so vielen unterschiedlichen Arbeitsfeldern tätig?

Das liegt vermutlich an meiner Rastlosigkeit und an dem Wunsch, mich immer wieder an künstlerische Aufgaben heranzuwagen, die mich herausfordern. Privat bin ich eher ein vorsichtiger Mensch, aber in künstlerischer Hinsicht gehe ich gern Risiken ein – immer in der Hoffnung, mein Spektrum, meine Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern. Ich stand bereits als Kind auf der Bühne und beim damaligen Aufsatzfunk des NDR vor dem Mikrofon. Dadurch hatte ich das Glück, ganz unterschiedliche Menschen, Lebensformen und Arbeitsbereiche kennenzulernen. Das hat mich früh geprägt und motiviert. Aber es hat dann noch Jahrzehnte gedauert, bis ich mir zutraute, ein eigenes Hörbuch-Label zu gründen. Es macht ja einen Unterschied, ob ich mich als Sprecher für eine Aufnahme engagieren lasse, oder ob ich selbst entscheide, welchen Stoff ich umsetze. Damit gebe ich viel von meiner eigenen Persönlichkeit und meinem subjektiven Geschmack preis, mache mich natürlich auch angreifbarer für Kritik.

Worauf kommt es Ihnen bei der Auswahl der Literatur für Ihre Hörbücher an?

Man hat mich einmal als "Wertesucher" bezeichnet. Das klingt mir zu nobel. Aber zumindest zeige ich Kampfgeist, wenn ich Werke davor bewahren kann, vom allmächtigen Mainstream verschluckt zu werden oder in Vergessenheit zu geraten, obwohl sie all das besitzen, was niveauvolle Unterhaltungsliteratur auszeichnen: Geist, Witz, Tiefe, eine originelle Sprache. Ich liebe es, Bücher, die mich vor Jahren fasziniert haben, hervorzuholen und zu überprüfen, ob sie meiner Begeisterung auch heute noch standhalten. Die Beziehung zwischen Buch und Leser ist ja sehr lebendig und dem ständigen Wandel unterworfen. Manche Werke "altern" besser, andere schlechter. Manchmal stoße ich dabei auf echte Juwelen, die nichts eingebüsst haben von ihrer Brillanz und es wert sind, wieder in Erinnerung gebracht und präsentiert zu werden. Es macht mir ein geradezu missionarisches Vergnügen, das Augenmerk auf die Literatur zu lenken, die in Vergessenheit geraten ist. Natürlich müssen die Texte zu mir passen. Es gibt wunderbare Bücher, die ich gerne für mich lese, für die ich aber der falsche Interpret wäre. Die drei Hörbücher, die ich bisher veröffentlicht habe, sind allerdings echte Herzensangelegenheiten.

Wie kamen Sie auf DER MANN, DER DURCH DIE WAND GEHEN KONNTE von Marcel Aymé?

Ich kannte den Film. Es gibt eine sehr hübsche deutsche Verfilmung aus dem Jahr 1959, in der Heinz Rühmann den kleinen Angestellten mit übernatürlichen Fähigkeiten spielt. Den Film hatte ich als Kind gesehen und war hingerissen. Viel später erst habe ich erfahren bzw. "erlesen", dass die Originalgeschichte von Aymé sehr viel doppelbödiger ist und den Leser ohne Happy End entlässt. Oft werde ich auf Stoffe aufmerksam, weil ich ihre Verfilmung gesehen habe. Ich bin ein großer Filmfan, besonders von älteren Filmen. Wenn mich ein Film besonders begeistert hat und ich im Vorspann entdecke, dass das Drehbuch die Adaption eines Romans oder einer Erzählung ist, dauert es meistens nicht lange, bis ich die literarische Vorlage in der Hand halte.

Für DER MANN, DER DURCH DIE WAND GEHEN KONNTE haben Sie nicht nur vier surreal-phantastische Geschichten von Aymé gelesen, sondern päsentieren sich auch als Sänger.

Richtig, ich singe ein Chanson von Jean Renoir. Die Hörbücher, die ich selbst produziere, erlauben mir nämlich, einer weiteren Leidenschaft nachzugehen: dem Singen. Dabei streife ich ganz unterschiedliche Genres: Chanson, Song, je nachdem, welcher musikalische Beitrag das gesprochene Wort optimal ergänzt. Nun sollte ich erwähnen, dass es eine Zeit gab, in der ich singend mein Geld verdient habe. Der Gesang wird dem Hörer also nicht aus lauter spontaner Selbstüberschätzung zugemutet. Das Singen ist für mich die persönlichste Ausdrucksform, und vielleicht wollte ich sie gerade deshalb so lange vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit verbergen. Aber auch hier habe ich mich nun entschieden, mehr meiner Intuition mehr als meiner Angst zu folgen!

Welche Rolle spielt die Musik bei den AUDOBA-Produktionen?

Eine wichtige. Die Gespräche und die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Henrik Albrecht sind eine Art Korrektiv für mich. Bei der Planung einer Produktion einigen wir uns zunächst gemeinsam auf den Text. Dieser muss so sein, dass er auch Henrik als Komponisten inspiriert, denn Henriks Musik steht absolut gleichberechtigt neben meiner Sprache. Wenn wir den passenden Stoff finden und produzieren, überträgt sich die Intensität unserer Zusammenarbeit auch auf den Hörer, davon bin überzeugt.

Das heißt, Sie bieten vielleicht auch im Vergleich zu anderen Hörbuch-Produzenten einen Mehrwert, der eher selten geworden ist: Attraktivität durch Niveau. Damit schwimmen Sie bewusst gegen den Strom. Ihnen muss klar sein, wie Mainstream-Autoren wie z.B. Ken Follett schreiben, und wie erfolgreich sie damit sind. Woher nehmen Sie den Mut, ganz andere Werke für Ihre Hörbücher auszuwählen, die in der Regel keine Millionenauflage erreichen?

Ist das mutig? Ich kann nur das überzeugend machen, woran ich glaube, wofür mein Herz schlägt. Außerdem: Meine favorisierten Autoren haben durchaus Millionenauflagen erreicht und nicht für die intellektuelle Nische geschrieben. Das ist allerdings meistens schon eine ganze Weile her! Was mir grundsätzlich an den Bestseller-Autoren der 20er, 30er, 40er, 50er und 60er Jahre gefällt, ist, dass sie selten unter ein bestimmtes Niveau rutschen. Schriftsteller wie Vicki Baum, Graham Greene, Hans Fallada, Marcel Aymé, William Somerset Maugham – um nur eine Handvoll zu nennen – beherrschen alle die hohe Kunst des Erzählens. Unspektakulär und selbstverständlich, aber meisterhaft. Ihre Texte empfinde ich als sehr modern und immer noch zeitgemäß, was natürlich auch damit zusammenhängt, dass sich die grundlegenden menschlichen Konflikte kaum verändert haben. Wenn ich diese Texte jetzt selber interpretiere, stelle ich immer wieder fest, wie "griffig" sie sind. Da ist nichts Schwammiges, nichts Ungefähres. Das ist wie der Unterschied zwischen einer Tiefkühlpizza und der bei einem guten Italiener. Was nicht heißt, dass sich die Tiefkühlpizza nicht sehr gut verkauft …

Sind Sie eher ein intuitiver Mensch als ein Stratege?

Ja, ich entscheide sehr intuitiv und denke zunächst überhaupt nicht daran, wie kommerziell ich bin, ob sich das Hörbuch verkaufen wird und ob es 10.000 Hörer erreicht oder nur 10. Entscheidend ist: Was ich unter AUDOBA veröffentliche, muss authentisch sein. Ich hebe verloren gegangene literarische Schätze und hoffe, dass sich meine Begeisterung für die Stoffe überträgt. Ich produziere ja nicht für die eigenen vier Wände, sondern möchte möglichst viele Menschen erreichen. Natürlich wünsche ich mir, dass die Saat, die ich setze, aufgeht und blüht und wahrgenommen wird. Aber garantieren kann das niemand.

Also kann man davon ausgehen, dass Sie mit jedem Produkt, das unter dem Label AUDOBA erscheint, "100% Jens Wawrczeck" bieten?

Ja.

Das ist natürlich eine luxuriöse Position, sich als Künstler so stark selbst einbringen zu können. Das geschieht ja sonst eher selten…

Sehr, sehr selten! Es ist ein absolutes Privileg. Großartig, aber auch eine Verantwortung – mir selbst und den Hörern gegenüber.



Das Gespräch führte Frank Wagner